Uwe Reisenauer – Play Logo

Spielen ist, wenn wir nicht wissen,
dass wir verschieden sind.

Fünfjähriger Junge
nach dem Spielen mit Fred Donaldson

Spiel Libanon 41

Heute also Shatila – düstere Erinnerungen an die Massaker in den 1980er Jahren steigen in mir auf, als wir am Morgen das Hotel verlassen und in die Autos steigen. Bilder vom Leiden der Palästinenser damals wie heute, vom Leiden der Juden unter der Verfolgung im vergangenen Jahrhundert in ganz Europa kommen mir in den Sinn.

Ein sehr persönliches Gespräch entsteht auf der Fahrt mit Rawan, einer gebürtigen Palästinenserin in unserer Gruppe, über unsere ganz unterschiedlichen Migrationserfahrungen. Auf unerklärliche Weise fühle ich mich diesem Konflikt zwischen Juden und Arabern seit meiner Jugend persönlich sehr verbunden.

Shatila ist heute ein verborgener Ort. Das palästinensische Flüchtlingslager, entstanden 1949, liegt mitten im Ostteil Beiruts, und ist doch auf keinem Stadtplan zu finden, google maps verzeichnet keinen Eintrag. Auch unsere Fahrer kennen die Lage nur ungefähr. Aus dem Auto befragte Passanten können oder wollen uns den Weg ebenfalls nicht zeigen.

Schließlich ein Anruf, ein Treffpunkt, eine Frau steigt in unser Auto und lotst uns auf einen Parkplatz. Aussteigen, zu Fuß nochmal um zwei Ecken, dann durch eine schmale Toreinfahrt, erst dann betreten wir das modrig feuchte Gewirr aus mittelalterlich anmutenden und riechenden Gässchen, die Hauptstrasse kaum breiter als dass zwei Mopeds aneinander vorbei passen.

„Achtung, nichts anfassen! Achtet auf eure Köpfe!“ lautet der erste Hinweis unserer Führerin. Angesichts der nassen Wände und offen herabhängenden Enden von Stromleitungen kann die Berührung tödlich sein.

Und doch auch hier: Interessierte Blicke treffen unsere kleine Gruppe, die großen bunten Matten unter die Arme geklemmt. Ein Lächeln des alten Mannes auf der Treppe in seinem Hauseingang erwidert meinen freundlichen Blick. Ein Winken des jungen Wasserverkäufers an der Ecke signalisiert: „You’re welcome!“.

Spiel Libanon 40

Und dann die Kinder. Ein frisch gestrichener Eingang, ein schlichtes Büro, drei Treppen hinauf – im zweiten Stock vorbei an der japanischen NGO, die finanziert und unterstützt – oben ein großer hell gestrichener Raum, ein Bücherregal. Wir legen die mitgebrachten Matten aus, an den Wänden die hoffnungsvolle Zukunft: „Free Palestine“.

Wir spielen mit vier Gruppen von Kindergartenkindern. Viele sind nur eine schwache Andeutung von Kind, so scheu, so wenig Mimik. Ihre Körper und Gefühle nur blasse Schatten. „Spiel? – Was ist das?“ scheinen sie zu fragen.

Und dann entstehen so viele kleine wunderbare Begegnungen, zarte Berührungen, Lächeln, auch mal wildes Laufen, Strahlen, der Mut sich anzulehnen, gemeinsame Momente, in denen unsere Unterschiede keine Rolle spielen, das Gefühl persönlicher Nähe, ein freudiger Sprung ins Ungewisse –Leben!

Im anschließenden Gespräch mit der Leiterin des Kindergartens wird uns das volle Ausmaß der Katastrophe bewußt. Zum Teil in der vierten und fünften Generation leben viele palästinensische Familien weitgehend isoliert von der libanesischen Gesellschaft, geduldet und ungeliebt, vergessen vom Rest der Welt, unter diesen menschenunwürdigen Zuständen, aufrechterhalten von der Hoffnung auf die Rückkehr in einen palästinensischen Staat, in dem ihre Kinder wieder freie Luft atmen können.

Spiel Libanon

Was bleibt? Das Gefühl tiefer Betroffenheit und Beklemmung, und der Eindruck ein wenig Wasser gespendet zu haben, damit das Pflänzchen Hoffnung weiterleben kann. „Damit sich ein Kind normal entwickelt, muss jemand auf ganz irrationale Weise vernarrt sein in diesen kleinen Menschen.“ schrieb Urie Bronfenbrenner.

Für einen Moment im Leben dieser Kinder war diese Erfahrung spürbar. Wir sind nicht allein, unter allen Umständen können wir Vertrauen, Sicherheit und Verbundenheit teilen und erleben. Und unser Handwerkszeug dafür ist Spiel – ursprüngliches Spiel ohne kulturelle Einschränkungen oder Absichten, reine Verbundenheit von Herz zu Herz spürbar durch reale Berührungen.