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Als Spielgefährte
lege ich meine Schutzpanzer ab,
um mich von der Welt
und anderen Wesen berühren zu lassen.

Uwe Reisenauer

Balance

Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen, und wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, oder? Kennen Sie diese Sätze noch aus Ihrer Jugend? Heute nennen wir eine solche Haltung ja eher fördern und fordern. Wo und wann fängt das eigentlich an?

Nach meiner Erfahrung sind Eltern in Deutschland im ersten Lebensjahr ihres Kindes lange bereit, weitgehend auf die Bedürfnisse ihres Sohnes oder ihrer Tochter einzugehen. Meist aus Freude, manchmal aus einem Gefühl der Verpflichtung oder weil es so am leichtesten geht.

Irgendwann im zweiten Jahr startet aber bei vielen Eltern, was man so gemeinhin Erziehung nennt. Schließlich kann man ja nicht immer alles haben, irgendwann ist eben Schluß, Kinder brauchen Grenzen und jetzt ist ja auch wirklich genug, oder?

In diesen Momenten geschieht etwas Bedenkenswertes. Wir Erwachsenen wechseln den Blickwinkel: Wir sind nicht mehr neugierig und offen für die Signale des Kindes und suchen nach bestem Wissen und individuellen Fähigkeiten eine gemeinsame Lösung für die Situation. Stattdessen wechseln wir zu der Überzeugung, dass wir recht haben.

Das Gefühl der Verbundenheit verschwindet, wir beharren auf unserem Standpunkt und versuchen, uns auch gegen den Willen des Kindes durchzusetzen. Schließlich haben wir ja auch die Verantwortung. Es scheint fast so als seien, wenn es ernst wird, Konflikte und Machtkämpfe zwischen Kindern und Eltern unvermeidbar.

Das Ergebnis dieser Art von Erziehung sehe ich jeden Tag auf dem Schulhof und in der Kindertagesstätte. Kinder ab einem Alter von etwa 3 Jahren haben in der Regel verlernt, freundlich und sicher zu berühren. Sie sind es gewohnt, körperliche Nähe durch Rivalität – Rangeln und Kämpfen - zu erreichen. Kommen ihnen andere Kinder nahe, reagieren viele Kinder mit Angst und schieben den anderen weg.

Spiel Libanon 4

Gleichzeitig mache ich die Erfahrung, dass dieselben Kinder die körperliche Nähe - das sich und den anderen intensiv Spüren – im Spiel mit mir sehr genießen, wenn ich für die Sicherheit aller sorge. Ich frage mich, was dies bedeutet?

  • Ist Aggression natürlich?
  • Sind Konflikte notwendig?
  • Ist Krieg normal?

Oder sind es nur kulturell angelernte Verhaltensweisen, für die wir einfach keine Alternative kennen? Auch wenn ich oft das Gefühl habe, für meine Absichten streiten zu müssen, mache ich immer wieder die Erfahrung, dass dies weder notwendig noch hilfreich ist. Meist ist es viel effektiver und einfacher, wohlwollend mit meinem Gegenüber nach einer gemeinsamen Lösung Ausschau zu halten oder einfach eine liebevolle Berührung zu schenken.

Meine Erfahrung sagt mir: Ich muß nicht wütend oder streng werden. In jeder Situation habe ich die Chance, mich neu zu entscheiden: Ich kann an meinen gewohnten Reflexen festhalten oder an der Situation wachsen und etwas Konstruktives beitragen. Original Play, das heißt mich in Alltagssituationen zu zuwenden statt dagegen anzukämpfen, eröffnet mir so völlig neue Möglichkeiten zu handeln.