Ein Schmetterling berührt meine Hand

Vor einigen Tagen ist mir auf facebook ein wunderbares kurzes Video begegnet. Es heißt: Die weibliche Superkraft (facebook.com/robert.sussenbach/). Ich finde es faszinierend, in nur 19 Sekunden eine völlig veränderte Situation zu sehen und wie sich diese Verwandlung in Körper und Bewegungen der Beteiligten spiegelt.

Ausgangspunkt ist eine klassische Wettbewerbssituation: Der Sohn soll die Hände des Vaters treffen, dieser zieht die Hände nicht weg, sondern bewegt sie nur leicht, so dass sein Sohn treffen kann. Alles wirkt etwas angestrengt. In den ersten beiden Sekunden sind die Haltung und die Gesichter der beiden starr und unbeweglich. Die Ellenbogen des Vaters sind spitz, sein Sohn bewegt den Arm ruckartig und isoliert vom Rest seines Körpers. Erst als die „Schläge“ enden erscheint in Sekunde drei ein Lächeln auf den Gesichtern der beiden.

Eine kleine Geste

Dann wendet sich der Vater seiner Tochter zu, nun ist sie an der Reihe. Sie zögert kurz, schaut ihrem Vater ins Gesicht. Und dann nimmt sie seine Hände in die ihren und küsst sie sanft. Anschließend steht sie auf und umarmt ihn. Der Vater scheint zunächst überrascht, dann aber öffnen sich seine Hände (Sekunde 12) und seine Arme. Er lässt ein wohliges Brummen hören und umarmt seine Tochter. Seine vorher eher kauernde, leicht gebeugte Haltung ist nun aufrecht und kraftvoll.

Nun wird in den Gesichtern von Vater und Sohn ein strahlendes Lächeln sichtbar. Alles Eckige und Enge ist aus der Situation verschwunden. Mit einer weiten Bewegung seines Armes, die zugleich offen und umhüllend ist, lädt der Vater den Sohn ein, an der Umarmung teilzuhaben. Schließlich verbinden sich die drei zu einer Kugel und sind kaum mehr zu unterscheiden.

Weiblich, männlich oder einfach menschlich?

Sollte dies nur eine weibliche Superkraft sein? Natürlich nicht, auch Männer tragen die Fähigkeit in sich, Situationen mit einer liebevollen Geste zu verwandeln. Die geschlechtlichen Rollen-Zuschreibungen unserer Kultur unterstützen sie dabei aber nicht. Weichheit gilt unter Jungen immer noch als Schwäche. Nach meiner Erfahrung bringen alle Kinder diese Fähigkeit mit, die kulturellen Muster zu ignorieren und ihrem ursprünglichen Bedürfnis nach Verbundenheit nachzugehen.

Sogar schon vor der Geburt tragen Kinder oft dazu bei, dass Paare fürsorglicher miteinander sind. Sie bereiten ihr Zuhause für den Neuankömmling vor. Und auch in den ersten Wochen und Monaten mit ihrem Baby genießen viele Eltern auch die körperliche Nähe mit ihrem Neugeborenen. Ich erinnere mich noch gut an die magischen Momente, als ich mit der Hand auf dem Bauch meiner schwangeren Frau zum ersten Mal eine Bewegung unserer Tochter spürte und als ich sie kurz nach der Geburt im Arm halten konnte.

Berührung ist lebensnotwendig

Schon vor 50 Jahren hat Ashley Montagu in seinem bahnbrechenden Werk „Körperkontakt“ (www.klett-cotta.de/…/Koerperkontakt), 2019 in vierter Auflage erschienen, zahlreiche Nachweise zusammengetragen, wie für das Erwerben und den Erhalt von Verbundenheit, Vertrauen und sozialen Kompetenzen regelmäßige und ausgiebige wohlwollende Berührungen für Kinder und Erwachsene von grundlegender Bedeutung sind.

Mein Fazit:
Gerade in Zeiten fortschreitender Digitalisierung und social distancing durch Corona wird es umso wichtiger auf ausreichend angenehme Berührungen zu achten. Zwischenmenschliche Kontakte und Verbundenheit körperlich zu spüren hält vital, stärkt Immunsystem und Psyche.

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